Dienstag, 2. März 1999


„Ehre sei Dir, mein Gott, heute nacht”

Ensembles „molti tromboni” und „Mixtur” veranstalteten eine ungewöhnliche „Nachtmusik”

Oberholzklau/Neunkirchen. Es hatte sich eine ganze Schar interessierter Zuhörer in der ev. Kirche in Oberholzklau eingefunden, um am Samstag abend einen „nächtlichen Spaziergang durch Stile und Epochen” zu unternehmen. Das Siegerländer Blechbläser- ensemble „molti tromboni” und der von regionalen Sängern und Sängerinnen gebildete Chor „Mixtur” veranstalteten dieses außergewöhnliche Vorhaben gemeinschaftlich und boten ein kurzweiliges Konzert rund um den Themenkreis „Abend und Nacht”. Durchs Programm führten mit erklärenden Erläuterungen die Leiter der Ensembles Christoph Reifenberger, Eckhard Schneider und Ingo Gieseler.

Verschiedene Assoziationen und Bedeutungen sind seit jeher mit der „dunklen Tageszeit” verbunden. Abwechselnd und kontrastierend brachten der Chor und die Bläser diese vielfältigen Eindrücke zu Gehör. Eine ganz profane Sicht der Nacht lieferte Anthony Holborne mit seiner „Night Watch”, dem Umherstreifen eines Nachtwächters im nächtlichen London. Mittelalterliche Färbungen und der fröhliche Tamburin-Rhythmus machten dieses von „molti tromboni” interpretierte Stück zu einem festlichen Höhepunkt des Konzerts. Tiefe Töne der Tuba und Posaunen leiteten die „Passacaglia” von Karl Marx ein, bevor die hohen Trompeten mit ihrem triumphalen, majestätischen Tonfall einsetzten.

So verschieden das Kolorit der Musikstücke, so unterschiedlich kann auch das Verständnis des Abends sein: Zoltan Kodálys „Esti dal” mit seinen langen Kantilenen und der ungewöhnlichen Rhythmik und Harmonieführung schilderte, ebenso wie Max Regers „Nachtlied”, ein stilles Abendgebet, während Johannes Brahms’ „Waldesnacht” die Zuhörer in einen verzauberten Märchenwald entführte. Schließlich gibt es – man könnte es zu dieser kalten Jahreszeit fast vergessen – noch laue Sommernächte, die z.B. von Henry Purcell mit seinen Spielmusiken aus der Oper „The Fairy Queen” musikalisch ausgesponnen wurden. Hier versammelten sich leichtfüßige Elfen zu einem heiteren Tanz.

Nach der Melodie des Volkslieds „Innsbruck, ich muß dich lassen” von Heinrich Isaac aus dem 15. Jahrhundert – die sich wie ein roter Faden unter der Überschrift „Nun ruhen alle Wälder” durch das Konzert zog – sind im Laufe der Musikgeschichte noch von anderen mehr oder weniger bekannten Komponisten wie Bach, Brahms, Mendelssohn Bartholdy, Lechner, Gesius und Ehmann Stücke geschrieben worden, die oft den Abschied zum Thema haben. Die jüngste Bearbeitung erfolgte von Klaus Hansen, dessen symphonisch pompöse Choralfantasie „O Welt, sieh hier dein Leben” von „molti tromboni” eindrucksvoll musiziert wurde.

Auch der himmlische Begleiter der Erde durfte nicht fehlen. So hieß es nun „Der Mond ist aufgegangen”. Das bekannte deutsche Volkslied mit dem Text von Matthias Claudius wurde abwechselnd vom Bläserensemble und dem Chor gestaltet. So erklang nicht nur das Original, sondern auch Bearbeitungen von Max Reger, Ingo Gieseler und Helmut Duffe. Als Sinnbild des Sterbens und des Todes am Ende des Lebens wurde von Dichtern und Komponisten gerne der Abend verwendet, der das Ende des Tages besiegelt.

Die Todessehnsucht des Barock schon vorweggenommen hat Johann Sebastian Bach in seinem Choralsatz „Komm o Tod, du Schlafes Bruder”, der ergreifend subtil von „molti tromboni” musiziert wurde. Aber auch hoffnungsvolle Töne kamen vor, z.B. mit dem Adventslied „Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern”. Zum Text von Jochen Klepper hat Volker Gwinner hier das Anbrechen eines neuen Morgens musikalisch in Szene gesetzt. Sich reibende Intervalle der Bläser kündigten festlich die ersten Strahlen der Morgensonne an. Einen wunderschönen Kanon hat auch Thomas Tallis im 16. Jahrhundert mit „Glory to thee, my God, this night” geschaffen, der vom getragenen Loblied bis zum tönenden Hymnus gesteigert schließlich Frauen- und Männerstimmen des Chores vereinte.

„Mixtur” bestritt auch den Abschluß des Konzertes. Vermischte Stimmen, die abwechselnd einzeln hervortraten, gaben der festlichen Motette „Bleib bei uns Herr, denn es will Abend werden” von Joseph G. Rheinberger Nachdruck und Aussagekraft. So froh geleitet konnten die Zuhörer getrost den nächtlichen Heimweg antreten. Am Sonntag wurde das Konzert in der ev. Kirche Neunkirchen wiederholt.nuk


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last update: 04/03/1999 by Christoph Reifenberger